128 Seiten, kartoniert
978-3-9811431-0-2
1. Auflage, 11/2007
Preis: 7,90 € (D)

Leseprobe

die lange, flach ansteigende treppe aus eichenholz mit den niedrigen stufen im großen hohen hausflur unseres hauses luitpoldstraße 9 in kitzingen am main. auf dem geländersockel links stand eingekerbt, mit einer ellipse umrahmt, eine jahreszahl (1809?). zum runterrutschen war die treppe ideal.

der kleine einstrahlige brunnen unter dem falterturm (dem berühmten schiefen turm), der nie lief, nie wasser hatte und immer verschmutzt war, auch noch, als wir 1952 wegzogen.

das große rote haustor mit den schrägen bretterteilen und der kleineren tür für den täglichen gebrauch. man konnte sie durch einen seilzug im ersten stock öffnen. vor dem tor drei steinstufen, auf denen wir "immer" saßen.

die spärlichen stellen von hellem moos zwischen den pflastersteinen des dunklen kleinen innenhofs mit den offenen holz- und kohleverschlägen. im frühjahr gab es nur etwa eine stunde lang sonne, und wir setzten uns in den schmalen blendenden sonnenstreifen, der viel zu schnell schmerzhaft verschwand.

das schokoladengeschäft ehrlinger, in dem es (wegen des krieges) keine schokolade, keine pralinen, vielleicht garnichts gab. im schaufenster leere große dosen aus besseren zeiten. trotzdem gingen wir gern in dieses geschäft, die mutter unterhielt sich mit der netten alten besitzerin.

im schreibwarengeschäft högner ging es grundsätzlich langsam zu, denn das papier gab es nur "offen". die bögen mußten einzeln abgezählt werden. dazu wurde ein stoß davon aufgerollt, weil sich dadurch die blätter verschoben und gezählt werden konnten. verpackungen gab es nicht.

die straßenecke luitpoldstraße/falterstraße. auf dem weg zur bäckerei will entdeckte ich mit etwa fünf jahren, daß mir der mond, wenn ich um die ecke ging, "folgte". da er das nicht gleichzeitig mit andern machen konnte, blieb mir nur die erklärung, daß ich als pfarrerssohn begünstigt war.

meine mutter im weißen nachthemd, mit langen schwarzen haaren im bett sitzend, ich an ihrem bett links stehend, und sie streicht mir über die haare.

wenn meine mutter eine bestrichene scheibe brot in kleine stücke schnitt und vögelchen nannte, wurden sie, als ich klein war, für mich dadurch wirklich zu vögeln. aber warum steckt ein kind gern vögel in den mund?

einerseits sollten wir nicht an den tischdeckenfransen rumspielen und vor allem keine zöpfchen flechten. andererseits strich meine mutter bei besuch immer wieder mit zwei küchenrauhen fingern ihrer linken hand über die tischdecke und glättete die fransen, eine geste der unruhe oder langeweile.

die riesige barocke kirche mit den traurig-grauen bänken. mein vater, der pfarrer, kommt im knöchellangen talar aus der sakristei rechts, schreitet kerzengerade in die mitte des vorderen kirchenschiffs, wendet sich um 90 grad nach rechts und geht zum entfernten großen modernen altar mit den sehr hohen dunkelweißen kerzen.

der schneetag, an dem mein vater mit mir im hof (1942?) einen iglu baute. wir stellten auch eine kerze rein, und ich konnte hineinkriechen.

das wunder der eisblumen an den fenstern der ungeheizten schlafzimmer und sehr stark am küchenfenster, und das wunder, daß man sie durch anhauchen oder durch druck mit dem finger zum schmelzen bringen konnte.

das montägliche flaggenhissen im schulhof fanden wir komisch. Wir mußten den rechten arm zum hitlergruß hochstrecken. ein älterer schüler las einen spruch vor. der schuldirektor hielt den kopf schief.

die fette blonde lehrerin, die wir 1944 vorübergehend in der zweiten klasse hatten, fragte uns, ganz sicher nach ideologischer vorbereitung, was wir werden wollten. alle wollten soldat werden, nur ich nicht. die lehrerin winkte mich aus der letzten reihe zu sich und fragte leise, warum. ich sagte nur, daß ich nicht wolle. der wirkliche grund war, daß ich postbote werden wollte wegen des schönen roten postautos. ich merkte nicht, daß mich die lehrerin aushorchen wollte. da mein vater pfarrer war, hätte ich ihn leicht gefährden können.

wenn ganz selten beim wandern auf der landstraße ein amerikanisches auto (jeep oder limousine) vorbeisauste, erzeugte die wieder eintretende stille ein verlassenheitsgefühl, und das uns angenehme parfüm der auspuffsgase weckte fernweh in uns.

das abendgebet, mit jedem kind einzeln am bett gesprochen, hieß: "lieber gott, mach mich fromm, daß ich in den himmel komm. behüte vater und mutter, gabriele, christoph, monika, renate, sibylle und almuth und die lieben großeltern. und laß den bösen krieg bald aufhören." später erzählte meine mutter, ich habe einmal gesagt: "ich will nicht in den himmel, ich will bei uns bleiben."

drei jahre alt war ich, als wir im sommer 1940 in bad wiessee am tegernsee waren. mein vater war in seinem urlaub kurprediger, und ich erinnere mich an ein kleines fenster hoch oben, das aus dem angebauten pfarrhaus direkt ins schiff der kirche ging. später erzählte mir meine mutter, ich sei in der kirche lärm machend hin und hergegangen und habe, als man sagte, das sei das haus des lieben gottes, gesagt: "wo is er denn, euer gott, ich seh ihn ja nicht."

mit etwa zwölf jahren stand ich einmal mit meinem freund werner auf der alten mainbrücke und sagte zu ihm sinngemäß: "wenn du dir vorstellst, daß die welt immer kleiner und kleiner wird und dann ganz verschwindet, dann ist sie zum schluß doch wieder da. du kannst dir nicht vorstellen, daß sie weg ist." das war mein erster philosophischer gedanke.